Beitrag in den Mitteilungen der Technischen Universität München, Ausgabe 4-00/01, S. 14/15

Konsultationssystem für die gastroenterologische Endoskopie

Diagnose via Internet: ENDOTEL

Die moderne Telekommunikation dringt auch in die Medizin immer weiter vor. E-Mail und Internet lassen sich sogar für Diagnose und Konsultation nutzen. Das Projekt ENDOTEL pilotiert einen Internet-basierten, multimedialen Telekonsultations- und Informationsdienst auf dem Gebiet der gastroenterologischen Endoskopie und Endosonographie. Bei der Durchführung kooperieren die II. Medizinische Klinik und Poliklinik (Prof. Meinhard Classen) und das Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie (Prof. Albrecht Neiß) am Klinikum rechts der Isar der TUM mit dem Telehaus Stamsried im Landkreis Cham. Das Vorhaben wird durch die Bayerische Staatsregierung aus Mitteln der Telekommunikationsinitiative Bayern Online II und durch die Europäischen Union gefördert.

Die Teledienste des Projektes verbessern die konsiliarische Abklärung schwieriger gastroenterologischer Fälle in ländlichen Regionen. Die Konsultationsmöglichkeit ist hierarchisch in drei Stufen gegliedert: Erste Ebene ist das Endoskopie-Informationssystem (EIS) im Internet, eine große Datenbank mit Referenzbildern und Beispielvideos. In der zweiten Ebene besteht eine asynchrone, multimediale Anfragemöglichkeit. Die beteiligten Ärzte können über das Internet einem Kollegen Untersuchungsergebnisse Videos, Bilder, Text zuschicken und seine Meinung einholen. Der Konsultationsdienst arbeitet asynchron und optimiert die Kommunikationsabläufe zwischen Einrichtungen verschiedener Versorgungsstufen Arztpraxis, Krankenhaus, Spezialabteilung einer Universitätsklinik.

Möchte ein Arzt bei einer unklaren Befundlage eine zweite Meinung einholen, erstellt er mit der Software des ENDOTEL-Konsultations-Dienstes eine Anfrage, und zwar in Form einer multimedialen E-Mail. Alle benötigten Untersuchungsergebnisse, beispielsweise Endoskopie-, Sonographiebilder oder -videos, Röntgenaufnahmen oder Labordaten, können digitalisiert, der Anfrage beigefügt und an einen geeigneten Experten gesandt werden. Dieser muss zum Antworten seine Arbeit nicht unterbrechen, sondern kann das auf einen passenden Zeitpunkt verschieben. Im Gegensatz zum heute üblichen Telefonat hat er das zur Beurteilung relevante Material vor Augen. Seine Antwort schickt er über das Internet an den anfragenden Arzt zurück. Diese Vorgehensweise ermöglicht es, schwierige Fälle noch vor Einweisung oder Verlegung des Patienten fundiert abzuklären. So lassen sich unnötige Mehrfachuntersuchungen und Transportkosten vermeiden. Die Übertragung der Inhalte erfolgt zunächst anonymisiert, im weiteren Projektverlauf ist eine Anpassung an das Health Care Professionals' Protocol (HCPP) geplant.


Screenshot der Software


Screenshot der Konsultationssoftware

Ablauf einer Konsultation


Ablauf einer Konsultation

Die Inhalte der asynchronen Anfragen können ebenfalls in das Endoskopie-Informationssystem übernommen werden. Zielgruppe sind neben niedergelassenen und im Krankenhaus tätigen Ärzten auch Studierende. Die Möglichkeiten der modernen Telekommunikation sollen sowohl den Wissenstransfer in ländliche Regionen fördern, als auch die Qualität der Lehre für die Medizinische Aus- und Weiterbildung verbessern.

Derzeit werden die Inhalte des EIS in einer MS-Access Datenbank verwaltet, die Portierung auf ein mächtigeres Datenbanksystem ist bei Bedarf möglich. Als Schnittstelle zur Datenbank dient der ColdFusion-Server (Allaire Corporation, Cambridge; MA, USA) und die hierfür erforderliche Scriptsprache ColdFusion Markup Language. Möchte ein Benutzer bestimmte Inhalte ansehen, fordert er diese mit einem normalen Browser an. Der Webserver leitet die Anfrage an den ColdFusion-Server weiter. Dieser wertet den Inhalt aus, fragt die Datenbank ab und gibt die gefundenen Inhalte in einer HTML-Seite zurück an den Webserver. Die HTML-Seite wird dann an den Browser des Benutzers übertragen. Für die Verwaltung der Datenbank gibt es eine separate Oberfläche, über die Mediziner auch selbstständig Material in das Informationssystem eintragen können.

Als dritte Ebene wird die Möglichkeit einer direkten synchronen Vidoekonferenz zwischen den beteiligten Partnern evaluiert. Dazu werden verschiedene digitale Videoformate (MPEG1, MPEG2, MPEG4) mit unterschiedlichen Netzwerktechnologien (ISDN, DSL, Breitband-Netz) erprobt. Erste Pilotübertragungen wurden bereits mit der Firma NewsNet Media AG, München durchgeführt.

Die erste lauffähige Version des Telekonsultationsdienst ist fertiggestellt und wird seit Mitte Februar in den beteiligten Krankenhäusern (Cham, Eichstätt, Friedberg) und den beteiligten Arztpraxen (Dr. Eiber, Waldmünchen, Dr. Heiduk, Cham, Dr. Krick, Friedberg, Dr. Attenberger, Dr. Kauffmann, Dr. Overkam, Eichstätt) installiert. Seit dem 1. März 2001 läuft ein Feldtest, der zunächst die Praktikabilität und Funktionalität des Systems an 100 Konsultationen testen soll. In den folgenden Monaten wird der Nutzen des Systems in Bezug auf finanzielle Einsparung, Qualität der ärztlichen Behandlung und Auswirkung auf die Arbeitsabläufe evaluiert.


Alexander Horsch,
Helmut Sußmann

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