ENDOTEL - Zweitmeinung per Internet

Helmut Sußmann, Hans-Dieter Allescher, Alexander Horsch

Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie und II. Medizinische Klinik

der TU München, Klinikum rechts der Isar, Ismaninger Str. 22, 81675 München

 

Das Projekt ENDOTEL konnte in den vorangegangenen beiden Jahren einen Internet-basierten, multimedialen Telekonsultations- und Informationsdienst auf dem Gebiet der gastroenterologischen Endoskopie für eine derzeit noch kleine Anzahl von Fachärzten etablieren. Bei der Durchführung dieses Vorhabens arbeiteten das Institut für Medizinische Statistik und Epidemiologie der Technischen Universität München, die II. Medizinische Klinik und Poliklinik am Klinikum rechts der Isar und das Telehaus Stamsried im Landkreis Cham zusammen. Das Projekt wurde durch die Bayerische Staatsregierung (Bayern Online II) und die Europäische Union gefördert und wird für weitere drei Jahre im Rahmen der High-Tech-Offensive Bayern fortgeführt.

Der Dienst ist hierarchisch in die drei Stufen der ENDOTEL Konsultationspyramide gegliedert (Abb. 1). Als Basis der Pyramide steht das Endoskopie-Informationssystem (EIS) zur Verfügung. Im üblichen Sinn des Wortes handelt es sich dabei allerdings nicht um einen Konsultationsdienst, sondern vielmehr um eine permanent verfügbare und kostenlose Informationsquelle im Internet (www.eis.telemedizin.org), die bereits die Mehrzahl der Fragestellungen im Sinne der Aus- und Weiterbildung abdecken soll.


Abbildung 1: Die ENDOTEL Konsultationspyramide

Im EIS können diagnosebezogene Referenzbilder und Beispielvideos eingesehen werden. Die Inhalte des EIS werden in einer MS-Access Datenbank verwaltet. Als Schnittstelle zur Datenbank dient der ColdFusion Server (Allaire Corporation, Cambridge; MA, USA) und die hierfür erforderliche Scriptsprache ColdFusion Markup Language. Möchte ein Benutzer bestimmte Inhalte ansehen, fordert er diese mit einem normalen Webbrowser an. Die Anfrage wird vom Webserver an den ColdFusion Server weitergeleitet. Dieser wertet den Inhalt aus, fragt die Datenbank ab und gibt die gefundenen Inhalte in Form einer normalen HTML-Seite zurück an den Webserver. Diese wird dann an den Browser des Benutzers übertragen. Für die Administration der Datenbank steht eine separate Oberfläche zur Verfügung. Mit ihr können Mediziner auch selbständig Material in das Informationssystem eintragen. Zielgruppe sind neben niedergelassenen und im Krankenhaus tätigen Ärzten auch Studenten.


Abbildung 2: Schematischer Ablauf einer EST-Anfrage

Auf der mittleren Pyramidenebene stellt der ENDOTEL store-and-forward Telekonsultationsdienst (EST) eine asynchrone, multimediale Anfragemöglichkeit dar (Abb. 2). Die angeschlossenen Ärzte können über das Internet einem Kollegen Untersuchungsergebnisse (Videos, Bilder, Text) zur Verfügung stellen und dessen konsiliarische Meinung einholen. Durch die asynchrone Arbeitsweise des EST werden die Kommunikationsabläufe zwischen Einrichtungen verschiedener Versorgungsstufen (Arztpraxis, Krankenhaus, Spezialabteilung einer Universitätsklinik) verbessert. Benötigt ein Arzt bei einer unklaren Befundlage eine Zweitmeinung, erstellt er mit der Software des EST eine Anfrage (Abb. 3). Dies erfolgt in Form einer multimedialen Email. Alle benötigten Untersuchungsergebnisse (z.B. Endoskopie,- Sonographiebilder oder -videos, Röntgenaufnahmen, Labordaten) können mit dem System digitalisiert, der Anfrage beigefügt und an einen geeigneten Experten gesandt werden. Dieser muß zur Beantwortung seinen Arbeitsablauf nicht unterbrechen, sondern kann die eingegangene Anfrage zu einem von ihm gewählten Zeitpunkt bearbeiten. Im Gegensatz zum heute üblichen Telefonat steht ihm zum Zeitpunkt der Beurteilung des Falles das relevante Befundmaterial zur Verfügung. Seine Antwort schickt er über das Internet an den anfragenden Arzt zurück. Diese Vorgehensweise ermöglicht eine fundierte Abklärung schwieriger Fälle noch vor Einweisung oder Verlegung des Patienten und hilft so, unnötige Mehrfachuntersuchungen und Krankentransporte zu vermeiden. Die Übertragung der Inhalte erfolgt derzeit anonymisiert. Das Bild- und Videomaterial der EST Anfragen können bei Bedarf in das EIS übernommen werden.



Abbildung 3: Screenshot der EST Software

Als Spitze der Konsultationspyramide wird mit dem ENDOTEL Video Telekonsultationsdienst (EVT) die Möglichkeit einer direkten synchronen Vidoekonferenz zwischen den beteiligten Partnern im Projekt evaluiert. Dazu werden unterschiedliche digitale Videoformate (MPEG1, MPEG2, MPEG4) mit unterschiedlichen Netzwerktechnologien (ISDN, DSL, Breitband-Netz) erprobt. Erste Pilotübertragungen wurden bereits durchgeführt.

 


Abbildung 4: Projektteilnehmer im Feldtest

Die erste Version des EST ist fertiggestellt und wurde in den beteiligten Krankenhäusern und Arztpraxen installiert. Von März bis Mai 2001 wurde in einem Feldtest zunächst die Praktikabilität und Funktionalität des Systems an etwa 100 Konsultationen getestet. In den folgenden Monaten wird der Nutzen des Systems in Bezug auf finanzielle Einsparungen, Qualität der ärztlichen Behandlung und Auswirkung auf die Arbeitsabläufe evaluiert. Das Projekt wird in den nächsten drei Jahren weitergeführt, die ENDOTEL-Anwendungssoftware soll in Richtung auf Marktreife weiterentwickelt werden.



Abbildung 5: Struktur der Aufgabenstellungen von ENDOTEL-2

Neben der Ausdehnung des Nutzerkreises stehen eine Reihe von Aufgabenstellungen (Abb. 5) auf dem Programm von ENDOTEL-2. Die Schaffung von Schnittstellen, sowohl zu Diagnostikgeräten (Schnittstelle 1), als auch zu bestehenden Clienten-Intranets (Schnittstelle 2) ist vorgesehen. Ein höheres Maß an Sicherheit durch Nutzung des elektronische Arztausweises zur Authentifizierung im System, sowie Integration des HCP-Protokolls sind vorgesehen. Ebenso ist die Einbindung von computerassistierten Visualisierungs- und Entscheidungshilfen (CAD) geplant.

Weitere Informationen stehen im Internet unter der Adresse www.endotel.de zur Verfügung.